"Nur mit Quoten ist es nicht getan" - Interview Prof. Gudrun Sander

Updated: Mar 20, 2019

Teil 1 - Strukturelle Beobachtungen


Liebe Frau Sander, Sie sind Titularprofessorin für Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpukt auf Diversity & Chancengleichheit und Mutter dreier Kinder. Was motiviert Sie?

Für mich steht Fairness und Gerechtigkeit im Vordergrund. Mich motiviert, wenn wir wirklich etwas bewirken in Unternehmen durch unsere Analysen und Trainings.


Sie haben gesagt «Quoten können helfen, Frauen rascher als Vorbilder in der Chefetage zu etablieren. Nur mit Quoten sei es aber nicht getan.» Warum?

Quoten bringen schnell eine Veränderung. «Seeing is believing», Frauen in Führungspositionen sind dann normal und keiner denkt mehr, dass es nicht ginge. Allerdings sieht man z.B. in Norwegen, dass die Quote vor allem auf Ebene des Verwaltungsrates etwas bewirkt. Auf die Zusammensetzung der Geschäftsleitung und die Hierarchieebene darunter bleiben die Zahlen fast unverändert.



"Die Quote wirkt vor allem auf Ebene des Verwaltungsrates.

Auf den Hierarchieebenen darunter bleiben die Zahlen fast unverändert."



Auch mit Quoten bleibt die Frage, welche Funktionen die Frauen übernehmen?

Frauen neigen dazu zu früh in Bereiche ohne Ergebnisverantwortung zu gehen, wie beispielsweise PR, HR oder Marketing. Ergebnisverantwortung ist aber ein wichtiger Faktor für die Karriere. Wenn Frauen hauptsächlich in Stabs- oder Unterstützungsfunktionen kommen, bleiben auf Ebene der Geschäftsleitungen die Machtverhältnisse unverändert.


Kämpfen wir hier mit den existierenden Rollenbildern?

Geschlechterrollenbilder sind sehr persistent! Eine neue Studie von Andrea Maihofer (Leiterin Zentrum Gender Studies der Universität Basel) zeigt, dass junge Männer ihr Studium oder ihren Job danach wählen, ob sie damit eine Familie ernähren können. Bei Frauen zählt bei dieser Entscheidung hingegen, ob sie Beruf und Familie vereinbaren können. Junge Menschen denken oft egalitär bevor sie Kinder kriegen. Mit dem ersten Kind stellen sie dann fest, dass ihre Idealvorstellungen nicht praktikabel sind und fallen in traditionelle Rollenmuster zurück. Beispielsweise arbeiten in der Schweiz bei nur 6% der Eltern beide Teilzeit. Das ist damit seltener als dass beide Eltern Vollzeit arbeiten (12%).



"Wenn Frauen hauptsächlich in Stabs- oder Unterstützungs-

funktionen kommen, bleiben auf Ebene der

Geschäftsleitungen die Machtverhältnisse unverändert."



Ist das ein strukturelles Problem?

Ja. Stukturelle Probleme sind klar die teure Kinderbetreuung und die Benachteiligung von Verheirateten im Steuersystem. Aber auch das Schweizer Ausbildungssystem führt zu Geschlechtersegregation bei der Berufswahl. Die «Grammatik der Geschlechterverhältnisse» wird früh gelernt. Durch die niedrige Maturitätsquote fällt die Berufsentscheidung sehr früh. Dies führt dazu, dass junge Menschen in der durch persönliche Unsicherheit geprägten Phase der Adoleszenz eher geschlechtertypisch wählen. Für eine «atypische» Wahl braucht man mehr Ressourcen (die Unterstützung der Lehrkräfte, der Eltern, der Peers etc.), die mehr Mut erlauben.


Wenn alle Frauen arbeiten, haben wir dann bald keine Kinder mehr?

Nein, im Gegenteil. Gute Ausbildung und Arbeiten in Vollzeit ermutigt Frauen dazu, mehr Kinder zu haben. Sie trauen sich mehr zu, weil sie wissen, dass sie die Kinder auch alleine «durchbringen» können. Das Problem ist, dass Vollzeit erwerbstätige Frauen in der Schweiz immer noch gesellschaftlich sanktioniert werden, wenn sie kleine Kinder haben. Ironischerweise wird es sowohl sanktioniert, wenn man als Akademikerin Vollzeit Mutter wird als auch, wenn man Vollzeit arbeitet und ambitioniert ist. Können wir bitte toleranter sein?



"Ironischerweise wird es sowohl sanktioniert, wenn man als Akademikerin

Vollzeit Mutter wird als auch, wenn man Vollzeit

arbeitet und ambitioniert ist. Können wir bitte toleranter sein?"




Competence Centre for Diversity and Inclusion www.ccdi-unisg.ch

St. Gallen Diversity Benchmarking: www.diversitybenchmarking.ch

St. Gallen D&I Tagung am 28.8.2019: www.es.unisg.ch/diversity-tagung

Women Back to Business Programm: www.es.unisg.ch/de/node/11


Prof. Dr. Gudrun Sander ist Titularprofessorin für Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt auf Diversity & Chancenleichheit an der Hochschule St. Gallen und Mutter dreier Kinder


www.es.unisg.ch/en/people/gudrun-sander



171 views
Digital-25.png

#wespacedigital

Contact 

WeSpace GmbH

hello@wespace.ch

076 256 68 04

Bahnhofstrasse 62

8001 Zürich 

Switzerland

Opening hours 

Space Opening Hours:

Mo - Fr   8.30 - 18.00

Hosted Space Hours:

Mo - Fr   9.00 - 17.00